Weshalb sich ein Blick
über den Tellerrand lohnt.

Benedikt Schuppli

31. Juli 2020 · 4 min Lesezeit

Die Digitalisierung von Rechtsdienstleistungen nimmt zu und dies ist gut so: sowohl für Anwaltskanzleien als auch für Klient*innen wird dadurch mehr Wert kreiert.

Der Berufsstand der Anwälte

“In a world where cars drive themselves, it is quite mad to pay a human five hundred an hour to copy and paste words upon a page.” So beschreibt Meng Wong, LegalTech-Experte und seines Zeichens selbst Anwalt, die Überfälligkeit der Technologisierung von Rechtsdienstleistungen.1

Schweizer Anwält*innen arbeiten heute grösstenteils noch mehr oder weniger gleich wie vor Erfindung des Internets – in gewissen Fällen gar noch gleich wie vor Entdeckung der Elektrizität – und der Berufsstand als solcher vermochte sich lange vor technologischer Disruption zu schützen, während sich um ihn herum die Welt und mit ihr die meisten Industrien von analog zu digital wandelten. Zwar fand automatisierte und digitalisierte Discovery bspw. in Anglo-Amerikanischen Kanzleien bereits vor der Jahrtausendwende Eingang in die Rechtspraxis. Insbesondere Schweizer Wirtschaftskanzleien tun sich mit der Digitalisierung jedoch evident schwer.

Aber warum auch ändern und sich anpassen, mögen sich die Entscheidungsträger*innen der Schweizer Wirtschaftskanzleien fragen. Ihr Geschäft floriert und sie als Partner*innen erhalten teils 7-stellige Entschädigungen. Auch der Eintritt der Big4 in den Schweizer Rechtsdienstleistungssektor hat daran nicht viel geändert. Wie überzeugt man also einen Raum voller Grossverdiener*innen davon, dass das Geschäftsmodell, welches sie so reichlich belohnt, nicht nachhaltig ist?

Ein Blick über den Tellerrand zu anderen Industrien lohnt sich auch für hiesige Anwaltskanzleien – und stösst vielleicht das erforderliche Umdenken an. Die Unterhaltungsindustrie dient dabei oftmals als Vorbote, da viele Big Players die Digitalisierung verschliefen. Von MP3 über Youtube bis hin zu Netflix – viele der Entwicklungen, die die Unterhaltungsindustrie quasi über Nacht auf den Kopf gestellt haben, wurden von Entscheidungsträgern dieser Industrie in wieder und wieder dokumentierten Anfällen von Hybris belächelt: “People will give up food and a roof over their head before they give up TV”, äusserte sich der COO von 20th Century FOX 2013 skeptisch zum sich anbahnenden Siegeszug des Streaming über das Kabelfernsehen. In der Zwischenzeit haben 16 Millionen Amerikaner*innen ihr Kabelfernsehen gekündigt, 20th Century FOX wurde von der Walt Disney Gruppe geschluckt und Netflix mit einer Marktkapitalisierung von über CHF 200 Mrd. eines der wertvollsten Unternehmen überhaupt.2

“Software is eating the world”, wie der Tech-Unternehmer und Venture Capitalist Marc Andreessen 2011 dem Wall Street Journal gegenüber verlautbarte – und zu denken, die Legal Services Industrie wäre dagegen gefeit, ist schlichtweg fahrlässig.

Dies zumindest haben die Anglo-Amerikanischen Grosskanzleien erkannt. Es gibt keine namhafte internationale Kanzlei mehr, die nicht firmeninterne Innovations- und Digitalisierungsbeauftragte beschäftigt, eigene Inkubatoren errichtet oder gar selbst aktiv in LegalTech-Firmen investiert.3

Auch in der Schweiz tut sich in dieser Richtung mehr und mehr. Viele hiesige Rechtsdienstleiser haben erkannt, dass das gezielte Verwenden von Software-Lösungen die Transparenz zu steigern, die Kosten zu senken, den Zugang zu erleichtern und damit allgemein die Klientenzufriedenheit zu verbessern vermag. Sie haben erkannt, dass die Digitalisierung und Automatisierung auch für Rechtsdienstleister alternativlos ist.

Für diejenigen, die die Erkenntnis erst noch gewinnen müssen, möchte ich ein Bild zeichnen: Die effektivsten Schachspieler*innen sind heute nicht etwa eigenständige Schachcomputer, sondern Schachspieler*innen, die Schachcomputer verwenden und dabei die menschliche Kreativität und Empathie mit enormer Rechenleistung kombinieren.

In diesem Sinne werden vielleicht zukünftig die effektivsten Vertragsjurist*innen diejenigen sein, die Software-generierte Vertragsvorlagen in persönlicher Beratung mit dem*der Klient*in zu einem zugeschnittenen Gesamtprodukt “verarbeiten” – zur Zufriedenheit aller Beteiligten.

Benedikt Schuppli, Rechtsanwalt, ist Mitgründer und COO der FQX AG.

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